Sie öffnet ihre Augen.
Ihre blaue Regenbogenhaut zieht sofort die Pupille zusammen.
Es benötigt einige Augenblicke, bis sie sich an das helle Licht gewöhnt.
"Wo bin ich hier?"
Sie fühlt weiches Gras unter sich.
Ihre Hände ergreifen Erde und Gras.
"Ich muss eingeschlafen sein."
Sie richtet ihren Kopf zur Seite und blickt durch hochgewachsenes Gras, Blumen und ihre blonden, langen Haare, die wie ein offener Fächer auf dem Gras liegen.
Eine Heuschrecke läuft über ihr Haar.
Die Sonne steht tief, doch verbreitet noch einen breiten orangenen Streifen am Horizont.
„Wir müssten also fast 8:00 Uhr haben.“
Es ist angenehm warm.
Sie richtet sich auf und blickt an sich herunter.
Sie trägt ein luftiges weißes Kleidchen.
Auf ihren Knien befinden sich Erdrückstände.
Sie stützt sich auf und dreht ihren Kopf zu einer Geräuschquelle, ein Bachlauf.
„Irgendwie scheine ich alles vergessen zu haben.“
Sie richtet sich zu ihrer Rechten und sieht einen großen Baum unweit von sich stehen.
Daran ist eine Schaukel, deren Seile mit Blumenranken verziert sind.
„War ich alleine hier?“
Sie schaut sich genauer um und entdeckt, dass direkt neben ihr das Gras noch plattgewälzt ist. Eine größere Fläche.
Sie hört abendlichen Vogelgesang.
Zwischen den Gräsern und Blumen entfalten sich Schmetterlinge, Marienkäfer und Grillen. Immer mal wieder entdeckt sie eines der Tierchen.
Sie steht auf und blickt nochmal genauer an sich herunter.
Überall Knuffe und Gräser an ihrer Kleidung, so als hätte sie sich durch das ganze Gras gerollt.
Sie läuft rüber zum Kirschbaum und an dessen Laub kann sie erkennen, dass es Spätsommer sein muss.
Mit ihren nackten Füßen nimmt sie ganz bewusst die einzelnen Gräser wahr.
Es ist nicht kalt aber fühlt sich erfrischend an.
Der Bach läuft direkt am Baum vorbei.
Sie blickt wie gebannt auf die Schaukel.
Die Faszination, die diese auf sie entfacht, kann sie nicht beschreiben.
Alles ist fremd, aber dennoch vertraut.
Sie setzt sich auf die Schaukel und schaut sich die Seile und die darum gewundenen Blumen genauer an.
„Es sind echte Blumen.“
Sie wühlt mit ihren nackten Füßen etwas in der Erde unter sich und bringt damit die Schaukel etwas in Bewegung.
Plötzlich hat sie eine kleine Erinnerung.
Zwei Menschen die an dieser Schaukel stehen. Die kleinere Gestalt sitzt auf der Schaukel, die weitaus Größere steht eng dahinter. Sie erkennt kein Gesicht, aber dennoch weiß Sie, dass Beide glücklich sind.
Sofort verschwindet das Bild wieder.
Sie hat keine Ahnung, was sie dort eben gesehen hat.
Noch einmal schaut sie sich alle genauestens an und spürte wie viel Liebe in diesem Ort zu stecken scheint. Liebe, die jemand hier verbreitet und zurückgelassen hat.
„Stehen gelassen wie ein altes Fahrrad am Zaun.“
Sofort muss sie über diesen Gedankengang lachen und ein Grinsen breitet sich über ihren zarten Mund.
Sie hüpft mit einem Satz von der Schaukel, wirbelt dabei etwas Staub auf und läuft anschließend zum Bach hinunter.
Sie blickt auf die Wasseroberfläche und kann verzerrt ihr Gesicht erkennen.
Es ist spitz, zierlich und ihre blauen Augen sind auffallend groß für ihr Gesicht.
Sie taucht eine Hand in das klare Wasser und sieht plötzlich wieder einige Bilder vor ihrem geistigen Auge.
Ein Mädchen steht knietief im Bach und hält ihr Kleid hoch. Sie scheint etwas mit ihren Händen im Bach zu machen. Plötzlich formt sie ihre Hände zu einer Schaufel und schleuder das Wasser hoch. Wie in Zeitlupe erkennt man wie die klaren Wassertropfen im Sonnenschein glitzern und sich ihren Weg bahnen. Sie landen mitten im Gesicht des fremden Mannes. Sie versucht dieses zu erkennen, doch es ist wie in einem Traum. Man erkennt das Gesicht nicht, weiß aber irgendwie, dass man die Person kennt. Plötzlich sieht sie sich zwischen einer wilden Wasserschlacht der beiden Personen. Einen kurzen Moment hat sie das Gefühl, dass sie dieses Mädchen ist.
Dann ist die Vision wieder verschwunden.
Sie steigt mit ihren Füßen in das Bachwasser ein.
Das Gefühl ist großartig und erfrischt ihren Geist.
Sie wandert etwas in dem Bach herum und entdeck hin und wieder ein paar kleine Fische, die sofort das Weite suchen, wenn ihre Füße sich ihnen nähern.
Nach ein paar Minuten steigt sie wieder aus dem Wasser und trocknet ihre Füße etwas mit ihrem Kleid ab.
Sie setzt sich auf einen Stein am Rande des Baches und blickt von dort aus auf die Stelle von der sie kam.
„Nicht einmal einen Rucksack habe ich bei mir. Was mache ich hier bloß?“
Sie blickt auf die plattgedrückte Grasfläche und plötzlich sieht sie wieder etwas aufflackern.
Diesmal scheint sie wirklich eine Rolle in ihrer Erinnerung zu übernehmen. Sie liegt auf dem Rücken im hohen Gras. Über ihr befindet sich das Gesicht des fremden Vertrauten. Er scheint zu lächeln, doch sie wird von der Sonne über ihm geblendet und muss die Augen immer wieder zukneifen. Links und rechts von ihrem Torso befinden sich die Arme des Mannes. Sie erkennt dass er sein Gesicht auf ihres zubewegt.Sie schließt die Augen und warten hoffnungsvoll.
Dann befindet sie sich plötzlich wieder sitzend auf dem Stein.
Sie steht auf und läuft zurück zur Grasfläche.
Ihre Gedanken sind ganz verwirrt.
Es ergibt alles einen Sinn aber irgendwie doch nicht.
Sie hatte zu viel vergessen.
Dann entdeckte sie plötzlich ein kleines aufgerolltes Zettelchen.
Darum ist ein dünnes rotes Seidenband zur Schleife gebunden.
Sie zieht langsam die Schleife auf und sofort breitet sich die Rolle auf, da sie eng zugerollt war.
Sie schiebt die beiden Enden mit ihren Fingern weg und erkennt eine Handschrift auf dem Zettel.
Das es nicht ihre ist erkennt sie sofort.
Dort steht geschrieben:
Du wirst mich nie vergessen…
Dein kleiner Prinz
Sie begreift das alles nicht.
Ihre Gefühle kann sie nicht sortieren.
Dennoch steht sie mit entschlossen Blick auf.
„Ich werde es herausfinden und mir meinen Weg suchen!“