Mit etwas Verspätung durch WGT und Co. , geht dieser Eintrag dann auch endlich mal raus.
Ich halte meine Versprechen.
Ich habe es auch am 05.06 gehalten – zu meinem Leidwesen. Ich hätte wirklich mal auf sowas wie moralische Bedenken pfeifen sollen und wäre einfach Daheim geblieben.
An diesem Sonntag ging es Dank meinem Versprechen mitzukommen, in Richtung Gelsenkirchen zu einem Unheilig-Konzert. Schon während der Parkplatzsuche spielte sich Merkwürdiges ab. Eine riesen Schar nicht „schwarz-Szenierte“ Menschen latschte in Richtung des Amphitheaters. Mein erster Gedanke: „Ist hier heute Trödelmarkt?“ Doch als ich Einblick in das Theater bekam, traf mich der Schlag. Ich guckte prüfend auf die Karte: „Ne, hier ist heute keine Fußball-Liveübertragung.“
Die Masse bestand aus bunt bekleideten Muttis, Vatis, Kindern und überwiegend Frührentnern. Hier und da mal eine schwarze Seele, ganz verirrt. Ich war so baff, dass ich erst einmal ein Foto machen musste. Ich hätte ein paar Hobbygrufties erwartet, aber nicht das. Unheilig – an was denkt man da? Menschen, die sich gegen die Kirche, Glauben und Konservativität rebellieren. Und was war da? Die Arbeiterwohlfahrt, Kirchengruppen und die Konservativität in Fleischlichkeit, mit Unheilig-Tour-Shirt und geblümten Omaröcken, oder bei den Herren kurze Hosen mit Sandalen und Socken. Da haben die Charts tatsächlich genau das in die Szene geholt, was diese immer versucht hat zu bekämpfen.
Der erste Shock war verdaut, musste ich feststellen, dass dieser Haufen Frührentner nicht nur optisch, sondern auch innerlich schon in die Rentenjahre einging. Toleranz, Akzeptanz und Lockerheit, wurden dort getauscht in Senilität, Aggressivität und totaler Intoleranz. Ich hatte die Hoffnung ja noch nicht ganz verloren und versuchte diesen Gedanken noch zu verdrängen und das Gute in der Sache zu sehen. „Komm, der Bernd ist jetzt berühmt, gönnen wir ihm das. Tut vielleicht der Szene auch gut. Die Leute sind bestimmt auch ganz OK.“ Aber diesen Gedanken verwarf ich so schnell wie er gekommen war, als ich fast auf einen Regenschirm getreten wäre und von der Dame dermaßen zusammengeschnautzt wurde. Bei der Dame mit der Plastiktüte (auf die ich auch fast in dem Gedrängel getreten wäre) war dann die Hoffnung ganz im Eimer.
So wie das Wetter den Bach runtergegangen war, versanken auch die Vorbands Down Below und And One. Geiles Line-Up mit And One eigentlich, aber nicht für eine Gesellschaft die Texte zum mitsingen, mitklatschen und mitschwofeln möchte. So tanzte ich mit ein paar wenigen für And One im Regen und musste mir die Buhrufe der intoleranten Gesellschaft anhören und wäre meiner Sympathie zu dieser Musik wegen, fast mit Kukident und Zahnprothesen beworfen worden. Spätestens da hatte ich so den Kaffe auf, dass ich laut fluchend und schimpfend durch die Menschenmasse lief mit Aussagen wie: „Was will man auch von so einem senilen Publikum erwarten? Dass die keine Ahnung von Musik haben war zu erwarten und nicht wissen, dass so eine Band wie And One schon berühmt war, als der Graf noch musikalisch in die Windeln geschissen hat und allen seine ungewollten Autogramme andrehen musste.“
Doch nicht nur ich war entsetzt, auch die befreundeten Standverkäufer, die ich alle vom WGT kenne. Dass es bei Mutti Gitte und Papa Franzel mit Kontaktlinsen und Korsetts nicht viel zu holen gab, war glaube ich selbsterklärend. Mir wurde berichtet von den erstmals in 20 Jahren Szeneverkauf vorgekommenen Pöbeleien und anderen Unannehmlichkeiten. Wir kamen alle zu dem Urteil, dass Unheilg in der Szene erstmals ausgefrühstückt hat. Wer einmal Blut geleckt hat, scheißt auf sein Publikum, Hauptsache Ruhm. Solch eine Weichspülergesellschaft singt gerne mit zu Texten, die das Herz ergreifen. Doch so herzergreifend die Texte und Videos sind, so wortwörtlich Asoziales spielte sich auf diesem Festivalgelände ab. Eines der abgespielten Videos zeigte einen Jungen im Rollstuhl. Das wollen die Menschen ja schließlich sehen: Behinderte, die Dank herzergreifenden Texten wieder gesund werden, um sie anfänglich auf jeden Fall zu bemitleiden. Und was wurde gemacht mit den Behinderten? Ein blinder Junge wurde nicht in den abgesicherten Kinderbereich gelassen, da sein Vater keinen Familienpass hatte und die Anderen wurden wie Vieh ganz oben in der hintersten Ecke hinter Absperrband mit ihren Rollstühlen abgestellt. Na großartig. Nach der Devise: Baut mehr Behindertenparkplätze, das brauchen sie ja auch…
Mit innerlich brüllender Wut und nach Rache schreiender Seele ging ich nach Hause und regte mich noch 2 ganze Stunden danach auf.
Aber: Ich konnte Mutti mit dem Konzert eine riesen Freude machen und dann war es das ja doch irgendwie wert. :* Und nein, du bist keine Frührentnerin. ;)
Ja klar, die Szene will unter sich bleiben so wie die Lesben und Transen unter sich bleiben und was es da so noch so an Besonderheiten gibt. Hat ja auch keiner was dagegen. Ab und zu steigen sie dann aus der Versenkung auf, wie ein WGT in Leipzig oder eine Schwulenparade. Aber warum dieses Geschrei wenn sich jemand aus der Szene in das so böse "Schlagerleben" stürzt, hat nicht jeder Sänger/Band mal in irgendwelchen Hinterhöfen angefangen, Ja der Graf hat die richtige dunkle Stimme und auch das mystische umgibt ihn, aber genauso gut könnte Rammstein oder Grönemeyer dazu gehören. Man nehme nie minimalistischen Texte von Grönemeyer, mische sie mit Rammstein und fertig ist der Graf....
AntwortenLöschenGönnt man der breiten Masse seine Musik nicht, nenne ich das Vereinnahmung. Ist doch schön das er seinen Ursprung und seine ersten Zuhörer in der Szene hatte, die ihn nun verachten weil er sich vermarkten lässt....ich dachte in der Szene gibt es keinen Neid oder bin ich da auf dem Holzwege.....man kläre mich auf damit ich nicht dumm sterbe.
Ich glaube wenn die Schwulen den Graf entdeckt hätten, würden sie ihn auch gehen lassen, seinen eigenen Weg finden, einen Weg, der jedem zusteht, wir leben in einem freien Land. Reicht doch das die verrückten Sekten alles vereinnahmen oder????
Hallo Graefin!
AntwortenLöschenIch moniere ja nicht, dass der Graf berühmt geworden ist (wie ich schrieb "ich gönne ihm das") und mit Neid hat dies auch nicht zu tun.
Ich moniere die Zwischenmenschlichkeit auf diesem Festival (Umgang mit Behinderten...usw...) UND dass durch solche Paradebeispiele, die Schwarze Szene ganz falsch projiziert wird.
Die Schwarze Szene ist u.a. entstanden GEGEN diesen Kommerz und solchen Ausbeutertum, und damit gegen die daraus resultierende verlogene Gesellschaft.
Um den Quervergleich zu ziehen:(Auch wenn ich die Anführung mit Homosexuellen unpassend finde, da sehr viele davon zur Szene gehören)
Das ist nichts Anderes, als wenn ein Homosexueller an einer Bewegung teilnimmt, wo Heterosexualität beworben wird, weil er dort mehr Zuspruch bekommt.
Hoffe alle Unklarheiten geklärt zu haben. :)
Grüße, Gothfrosch